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 :: Die Schaffermahlzeit...




 


Die Schaffertafel ist gerichtet. Wie eh und jeh am zweiten Freitag des Februars werden dann die etwa 280 Teilnehmer ihre Tische ansteuern. Das selbstbewußte „Schaffen, schaffen unnen und boven“ des fungierenden Vorstehers des Hauses Seefahrt hallt durch die Obere Halle des Bremer Rathauses und setzt den Beginn der jährlichen großen Schaffermahlzeit. Dieses seit 1545 von der bremischen Stiftung „Haus Seefahrt“ ausgerichtete Brudermahl ist heute - weit über ein gesellschaftliches Ereignis hinaus - zu einem Gastmahl im alten und besten Sinne des Wortes geworden. Bremische Kaufleute, Reeder und Kapitäne sprechen mit ihren auserwählten auswärtigen Gästen - die übrigens nach den Statuten nur einmal Gast der Schaffermahlzeit sein können. In zwangloser Weise geht es um Fragen und Probleme einer lebendigen Seehafenwirtschaft, die wechselseitig mit dem Land verflochten ist.

 


Die Kleiderordnung schreibt den Frack vor– die Bremer tragen dazu die schwarze Fliege mit Weste. Die Kapitäne erscheinen selbstverständlich in ihren schmucken Uniformen. Die Mahlzeit ist eine sehr männliche Angelegenheit. Nur ein kleiner Kreis Damen verfolgt das Geschehen aus einem Nebenraum, bis das Mahl beendet ist und man sich zum Ausklang beim Seefahrtsball einfindet. Der alte Seefahrerruf „Schaffen, schaffen unnen und boven, unnen und boven schaffen“ hieß auf den Segelschiffen so viel wie „das Essen ist beschafft“ und dröhnte durch das Schiff, wenn alle Mann „unnen“ (unter Deck) und „boven“ (über Deck) zur Mahlzeit kommen sollten.

 


Die Mahlzeit selbst hält sich auch heute im Rahmen der alten Schiffergerichte. Eingeleitet wird mit einer Hühnersuppe, die aus großen Terrinen zünftig ausgeteilt wird. Dann folgt Stockfisch, das ist luftgetrockneter Kabeljau und für manchen Binnenländer eine Neuheit, dazu das berühmte Seefahrtsbier - ein dickes, malzreiches und würziges Gebräu, das eigens für die Schaffermahlzeit hergestellt und in silbernen Pokalen gereicht wird.

Nach dem Stockfisch geht es nicht weniger deftig weiter, bäuerlich und seemännisch zugleich: Rauchfleisch mit Maronen und Bratkartoffeln. Und natürlich darf in Bremen auch der Braunkohl mit Pinkel nicht fehlen. Den Nachtisch bilden Käse und Brot sowie geräucherter Butt, der rigaisch heißt, weil er früher aus der Baltenstadt bezogen wurde. Alles in allem also nichts für einen schwachen Magen.

Am Grundcharakter des herzhaften Seemannsessens hat sich nichts geändert. Die gereichten Weine, ein Bordeaux und ein Rheinwein, gehören seit langem dazu; mit dem Seefahrtsbier allein ist die Speisenfolge nicht zu bewältigen.
 

 


Neben jedem Gedeck liegen zwei Papiertüten, eine goldfarbene für den Pfeffer und eine silberne für das Salz. Diese Sitte geht auf jene Zeit zurück, da Gewürze eine kostbare Zutat waren, die sich die Teilnehmer an der jährlichen Schifferkost selbst mitbringen mussten. Auch ein anderer Brauch wird getreulich weiter gepflegt: Neben dem Teller liegen einige Löschblätter, mit denen vor jedem Gang ein jeder sein Messer und Gabel eigenhändig putzt; an Bord der alten Segelschiffe konnte man sich den Luxus vielfacher Bestecke nicht leisten.

Ein solches Mahl dauert natürlich seine Zeit. Es beginnt nachmittags um 15 Uhr und endet nicht vor 20 Uhr abends. Schon die zahlreichen Reden erfordern Stunden; sie sind genau vorgeschrieben: auf das Vaterland, auf Bremen, auf die Seefahrt im allgemeinen, auf die Schifffahrt im besonderen, auf die Gäste usw. Die Hauptreden kommen den drei kaufmännischen Schaffern zu. Bei jeder Ansprache steht außer dem jeweils redenden Schaffer auch der links und rechts von ihm sitzende Kapitänsschaffer. Auf diese Weise wird die Verbundenheit von Schifffahrt und Handel dokumentiert.
 

 


Schließlich ist es Vorschrift, dass die Armenbüchse des Hauses Seefahrt eindringlich präsentiert wird, um diesen ältesten Sozialfonds Europas für die Unterstützung alter Kapitäne und deren Witwen zu stärken. Dies tut die Festversammlung in großherziger Weise.

Erst dann werden die langen Tonpfeifen nach Holländer Art mit kräftigem Kanaster gestopft. Von dicken Tabakwolken schließen Kapitäne, Kaufleute und Reeder neue Freundschaften.