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 :: „Typisch norddeutsch eben!“




 


Der holsteinische Jungfilmer Detlev Buck zeigt in einem Werbespot, wie an einem typisch norddeutschen Tresen mit Erdnuss-Spender und DGzRS-Sammelschiff typisch norddeutsche Männer in typischen norddeutschen Fischerhemden mit dem beworbenen Bier in der Hand angewidert einem hereingeschneiten Australier zuhören, der protzig und lauthals verkündet, das sein Bauernhof in „Down-Under“ so groß sei, dass er mit dem Auto drei Tage brauche, um alle Felder und Wiesen zu umrunden. „Joa“, verkündet daraufhin einer der Zuhörer trocken, „so‘n Auto hatt‘ ik ok mol!“

Döntjes“, wie sie uns Detlev Buck in seinem Kurzfilm erzählt, fördern den regionalen Absatz deshalb, weil diese Schlagfertigkeit uns Zuschauern zum norddeutschen Charakter zu passen scheint, wie das Rührei zum Granat. Wir alle pflegen das Selbstbild vom trockenen und autoritätsvernichtenden Witz der Küstenbewohner, die im Stande sind, jedem zugewanderten „Dröhnbaddel“ mit einer einzigen Bemerkung die Luft aus der Bereifung zulassen.
 

 


In Wirklichkeit unterscheiden sich die norddeutschen Selbstbeschreibungen nicht sonderlich von denen anderer Regionen - sieht man vom verwendeten Dialekt ab. Im Repertoire des Ohnsorg-Theaters und im bayrischen Komödienstadl sind die Charaktere aller handelnden Personen - sogar die „Plots“ - bis aufs I-Tüpfelchen identisch. Nur das in Bayern am Ende „a Preiß“ die verdiente Dresche kriegt, während es im Ohnsorg-Theater der hochdeutsch daherparlierende „Quiddje“ im städtischen Anzug ist.

Kernhaft“, „knorrig“, „wetterhart“, „wortkarg“ und „naturverbunden“ wäre der Norddeutsche, wenn er seinem Selbstbild gliche. Nur kommt kein Kind mit einem niederdeutschen Charakter auf die Welt. Das Regionale wird mit Sicherheit nicht durch Blut oder Gene vererbt. Wie auch, wo wir doch bereits 98% unserer Gene mit dem Schimpansen teilen? Das „typisch Norddeutsche“ ist bestenfalls eine Eigenschaft, die uns zusammen mit der Sprache „beigebogen“ wird. Im Kindesalter, wenn der Spracherwerb einsetzt, gibt es kein Büffeln, kein Auswendiglernen, kein Erforschen grammatischer Regeln. Kinder erlernen die erste Sprache wie von selbst durch ausdauerndes Sprechen und Fragen. Das „führt zu einer sicheren und bis in alle Winkel der Sprache hinein richtigen richtigen automaschien Beherrschung“. Wer hier geboren ist, lernt automatisch eine regional eingefärbte Art das Deutsche zu sprechen und auszusprechen, die in Hamburg „missingsch“ oder in Bremen „tagenbaarsch“ heißt.

Griesmuhl, Sabbelsnuut, Suupbütt, Morslock, Bangbüx, Swienjack oder Sesselpuper. Wer neue und originelle Spott– und Schimpfwörter sucht, der stößt im Norden auf eine Goldmine.

Hingegen muss der Glaube an eine Erblichkeit norddeutscher Charaktereigenschaften, angesichts der wissenschaftlichen Beweislage, zu den modernen Mythen gezählt werden. Jede wissenschaftliche Untersuchung regionaler Mentalitäten zeigt das gleiche Bild: der „wortkarge“ Niedersachse „sabbelt“ an einem modernen Computerarbeitsplatz nicht mehr und nicht weniger als der Rheinländer, eine Sächsin verfolgt ihre Ziele genauso „hartnäckig“ wie die Emdener Deern, der Badenser zieht sich den Schuh „des trockenen, treffenden Humors“ genauso gern an wie ein Bremer. Wenn die Lebenswelten sich ändern, wenn die Menschen in den Städten arbeiten und nicht länger im Schweiße ihres Angesichts den Buchweizen im Licht der Worpsweder Romantik auf sauren Mooräckern ernten, dann verschwinden auch die regionalen Besonderheiten.