In Wirklichkeit unterscheiden sich die norddeutschen
Selbstbeschreibungen nicht sonderlich von denen anderer
Regionen - sieht man vom verwendeten Dialekt ab. Im
Repertoire des Ohnsorg-Theaters und im bayrischen
Komödienstadl sind die Charaktere aller handelnden Personen
- sogar die „Plots“ - bis aufs I-Tüpfelchen identisch. Nur
das in Bayern am Ende „a Preiß“ die verdiente Dresche
kriegt, während es im Ohnsorg-Theater der hochdeutsch
daherparlierende „Quiddje“ im städtischen Anzug ist.
„Kernhaft“, „knorrig“, „wetterhart“,
„wortkarg“ und „naturverbunden“ wäre der Norddeutsche, wenn
er seinem Selbstbild gliche. Nur kommt kein Kind mit einem
niederdeutschen Charakter auf die Welt. Das Regionale wird
mit Sicherheit nicht durch Blut oder Gene vererbt. Wie auch,
wo wir doch bereits 98% unserer Gene mit dem Schimpansen
teilen? Das „typisch Norddeutsche“ ist bestenfalls eine
Eigenschaft, die uns zusammen mit der Sprache „beigebogen“
wird. Im Kindesalter, wenn der Spracherwerb einsetzt, gibt
es kein Büffeln, kein Auswendiglernen, kein Erforschen
grammatischer Regeln. Kinder erlernen die erste Sprache wie
von selbst durch ausdauerndes Sprechen und Fragen. Das
„führt zu einer sicheren und bis in alle Winkel der Sprache
hinein richtigen richtigen automaschien Beherrschung“. Wer
hier geboren ist, lernt automatisch eine regional
eingefärbte Art das Deutsche zu sprechen und auszusprechen,
die in Hamburg „missingsch“ oder in Bremen „tagenbaarsch“
heißt.
Griesmuhl, Sabbelsnuut, Suupbütt,
Morslock, Bangbüx, Swienjack oder Sesselpuper. Wer neue und
originelle Spott– und Schimpfwörter sucht, der stößt im
Norden auf eine Goldmine.
Hingegen muss der Glaube an eine
Erblichkeit norddeutscher Charaktereigenschaften, angesichts
der wissenschaftlichen Beweislage, zu den modernen Mythen
gezählt werden. Jede wissenschaftliche Untersuchung
regionaler Mentalitäten zeigt das gleiche Bild: der
„wortkarge“ Niedersachse „sabbelt“ an einem modernen
Computerarbeitsplatz nicht mehr und nicht weniger als der
Rheinländer, eine Sächsin verfolgt ihre Ziele genauso
„hartnäckig“ wie die Emdener Deern, der Badenser zieht sich
den Schuh „des trockenen, treffenden Humors“ genauso gern an
wie ein Bremer. Wenn die Lebenswelten sich ändern, wenn die
Menschen in den Städten arbeiten und nicht länger im
Schweiße ihres Angesichts den Buchweizen im Licht der
Worpsweder Romantik auf sauren Mooräckern ernten, dann
verschwinden auch die regionalen Besonderheiten.